Interview mit Karl Schmied

SJ: Wann ist dir Thich Nhat Hanh zum ersten mal begegnet?

KS: Das war 1988 im Kamalashila Institut in Wachendorf. Ich wusste sofort, dass wir viele Jahre ein Stück Weg gemeinsam gehen würden. Mich überzeugte damals vom ersten Moment an Thays Persönlichkeit, sein Charisma und seine sanfte und doch klare, entschiedene Praxis.

SJ: Gibt es eine Begegnung mit ihm, die dir ganz besonders wichtig ist?

KS: Es gibt natürlich viele. Sehr präsent in mir ist das Erleben, als ich auf dem Berg Yen Tu in Nord-Vietnam auf dem Meditationsplatz des früheren Königs und späteren Meditations- und Dharmalehrers Tran Nhan Tong saß und Thay ganz tief in mir gespürt habe. Ich war mit ihm und allem was mich umgab in einer Intensität, wie ich sie später nur selten erlebte, verbunden.

Ich war mit Thay und Sangha-Mitgliedern jüdischer Herkunft auch im Warschauer Ghetto. Am Eingang dort war plötzlich all das Leid von damals wieder präsent und gegenwärtig. Wie ich als Junge der gerade in die Schule gekommen war, mitbekommen habe, dass einige gute Freunde und ihre Eltern von einem Tag auf den anderen auf einmal nicht mehr da waren.

Und ich sehe Thay wie er in Prag mitten auf der Straße stehen blieb als die Mittagsglocken läuteten. Er war sehr ruhig und still. Abends hielt er einen Vortrag in der Karls-Universität und erzählte, dass er heute zu Mittag, das Herz Europas, sein Wesen und seine Kultur gespürt hätte und einen neuen tieferen Bezug zu unserem Kontinent, auf dem er schon so viele Jahre im Exil lebt, bekommen habe. Das hat mich um so mehr berührt, weil ich selbst aus einem Städtchen in Mähren stamme und von dort mit meinen Eltern 1946 ausgewiesen wurde, nachdem ich nach dem Krieg eine schwierige Zeit in Lagern verbracht hatte.

SJ: Was ist das Wichtigste, das du nach so vielen Jahren intensiver Praxis an andere weitergeben würdest?

KS: Im Jetzt leben und friedvolle Gelassenheit entwickeln, zu akzeptieren, was mir auf Grund der bestehenden Bedingungen widerfährt, und vor allem loszulassen – Konzepte, Wünsche und Gewohnheiten –, um mehr Freiheit zu erfahren.

Jeden Tag üben und nochmals üben – die Praxis ist die Grundlage für unser Leben. Dabei jede Situation des Alltags als eine Möglichkeit zum Praktizieren sehen und entdecken, wie wertvoll und schön das Leben ist und wie viel Freude wir auch in schwierigen Zeiten entdecken können, wenn wir uns und andere in unserem So-Sein annehmen.

SJ: Es gibt das Maitreya-Haus, den Maitreya-Fonds. Weshalb immer Maitreya?

KS: Der Bodhisattva Maitreya war und ist seit vielen Jahren mein Leitbild. Dieser „Große Liebende“ symbolisiert für mich die Dynamik und Aktualität des Buddha-Dharma. Ich weiß, dass er eine Kraft in mir selbst ist und selbst wenn ich den Kontakt für einige Jahre unterbrochen habe, hat er sich doch immer wieder zu meiner tiefen Freude in glückhaften meditativen Prozessen bemerkbar gemacht. Ich bin zutiefst überzeugt, dass Maitreya als geistiges Potenzial schon jetzt existiert und in dem Maß in Erscheinung tritt, indem wir Netzwerke bilden, unsere Praxis verstärken unser Bewusstsein verändern und Schritt für Schritt dadurch seine Präsenz in dieser leidenden Welt immer deutlicher werden lassen.

SJ: Verändert ein 70. Geburtstag das Leben? Hast du Angst vor der “großen Verwandlung“ also dem Tod?

KS: Es ist ein Tag der Kontinuität. Ich möchte noch ein Buch schreiben und meine Erfahrungen mit Lesern teilen. Weiterhin lernen mit mir selbst und anderen liebe- und verständnisvoller umzugehen sowie mein Mitgefühl und tiefere Einsichten zu stärken.

Nicht der Tod macht mir Angst, aber manchmal der Gedanke an das Sterben und dem letzten „Lassen“. Ich wünsche mir die gleiche Furchtlosigkeit und das kleine Lächeln Lama Govindas als er seinen Körper ablegte.

SJ: Was freut dich?

KS: Meine Partnerin und meine Tochter zu sehen sowie die beiden Enkel, die mir die Kontinuität meines Lebensstromes so deutlich machen. Und wenn mich jemand Bruder Karl nennt.

Die Fragen stellte Sabine Jaenicke.

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